Sommerliche Feuerkraft und innere Kühlung: Wie du durch die TEM zur Expertin deines Körpers wirst

Einleitung

Der Sommer ist da – die Zeit der maximalen Entfaltung, des Lichts und der Reife. Während die Natur im Außen in voller Blüte steht und die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, spüren viele von uns, dass auch in unserem Inneren die Temperaturen steigen. Vielleicht merkst du, dass du schneller gereizt bist, wenn die Hitze drückt, oder dass dein Schlaf flacher wird, wenn die Nächte nicht mehr abkühlen. In der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) ist der Sommer die Zeit des Feuerelements und der Gelbgalle. Es ist eine Phase voller Dynamik, aber auch eine Phase, die uns fordert, genau hinzuspüren, bevor das innere Feuer zu einem Flächenbrand wird.

In diesem Artikel lade ich dich ein, die Prinzipien der Naturheilkunde ganz neu für dich zu entdecken. Wir schauen uns an, wie du durch das Wissen der TEM nicht nur einen Sonnenbrand auf der Haut vermeidest, sondern auch ein „Ausbrennen“ deiner inneren Kräfte verhinderst. Werde zur Expertin deines eigenen Körpers, lerne die Signale deines Temperaments zu deuten und finde heraus, wie du mit der richtigen Ernährung und Lebensweise gelassen durch die heißen Tage kommst. Ganz nach meinem Motto: „Spür mal drüber nach“.

Inhaltsverzeichnis

1. Das Feuer des Sommers: Die TEM-Philosophie der heißen Jahreszeit

In der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) ist der Sommer weit mehr als nur eine Urlaubszeit. Er ist die Zeit des Wachstums, der Reife und der maximalen Ausdehnung. Er entspricht in der Lebensphase der Jugend – einer Zeit voller Energie, Tatendrang, aber auch einer gewissen Aufbrausung. Wenn wir uns die Qualitäten des Sommers ansehen, begegnen uns zwei Begriffe: Warm und Trocken.

Alles ist in Bewegung. Die Feuerhitze steigert den Zuckergehalt der Früchte und lässt die ätherischen Öle in den Kräutern konzentrierter werden. Doch genau hier liegt die Herausforderung: Wo viel Wärme ist und die Feuchtigkeit fehlt, entsteht Trockenheit. In der Humoralmedizin (der Lehre von den Körpersäften) wird dem Sommer die Gelbgalle (Cholera) zugeordnet. Sie ist das Prinzip der Transformation, der Verdauung und der Schärfe.

Für uns Flinta um die 40 ist das ein spannender Aspekt. In dieser Lebensphase, in der oft auch hormonelle Umbrüche beginnen, kann sich das sommerliche Feuer im Außen mit einem inneren Feuer verbinden. Wenn wir nicht achtsam sind, schlägt die dynamische Energie in Stress, Entzündungen oder Gereiztheit um. Das Ziel der TEM ist es hier nicht, das Feuer zu löschen – wir brauchen es für unsere Lebensfreude! – sondern es zu regulieren. Es geht darum, die Hitze zu kanalisieren, damit sie uns wärmt, statt uns zu verbrennen.

2. Die vier Temperamente im Hitzetest: Choleriker:In, Sanguiniker:In & Co.

Jede:r von uns trägt eine ganz individuelle Mischung der vier Temperamente in sich. Doch im Sommer reagieren wir je nach Grundkonstitution sehr unterschiedlich auf die steigenden Temperaturen. Hier ist es besonders wichtig, dass du lernst, dich selbst zu beobachten.

Die Choleriker:In: Wenn die Galle überläuft

Die Choleriker:In ist dem Element Feuer direkt zugeordnet. Sie trägt ohnehin schon viel Wärme und Trockenheit in sich. Im Sommer erreicht sie schnell ihren „Siedepunkt“. Wenn die Energie nicht adäquat abfließen kann oder Emotionen unterdrückt werden, staut sich die Gelbgalle. Das kann sich körperlich in Gallenkoliken oder psychisch in heftigen Wutausbrüchen zeigen.

  • Wichtig: Choleriker:Innen sollten intensive Aktivitäten in der Mittagshitze unbedingt vermeiden. Schatten und Kühlung sind für sie kein Luxus, sondern eine medizinische Notwendigkeit.

Die Sanguiniker:In: Leichtigkeit mit Überhitzungsgefahr

Sanguiniker:Innen lieben den Austausch und die Geselligkeit des Sommers. Da sie aber ebenfalls viel Eigenwärme besitzen, laufen sie Gefahr, sich im sommerlichen Tatendrang zu übernehmen. Für sie gilt: Weniger ist mehr. Lange Sonnenbäder sollten gegen schattige Plätzchen getauscht werden.

Die Melancholiker:In und Phlegmatiker:In: Wärme auftanken

Für Melancholiker:Innen (eher kühl-trocken) und Phlegmatiker:Innen (kühl-feucht) kann der Sommer eine wunderbare Zeit sein, um die inneren Depots aufzuwärmen. Doch Vorsicht: Melancholiker:Innen müssen ganz besonders auf ihren Feuchtigkeitshaushalt achten, da die Sommerhitze ihre natürliche Neigung zur Trockenheit verstärken kann.

Spür mal drüber nach: Welches Temperament dominiert bei dir an heißen Tagen? Fühlst du dich eher wie eine vertrocknete Pflanze (Melancholisch), oder sprühst du vor Funken, die jederzeit ein Feuer entfachen könnten (Cholerisch)?

3. Es war einmal… Geschichten aus der Traditionellen Europäischen Medizin

Um zu verstehen, wie tief das Wissen über die Jahreszeiten verwurzelt ist, lohnt sich ein Blick zurück zu den Gründervätern der europäischen Heilkunst. Schon Hippokrates und später Galen wussten, dass der Mensch kein isoliertes Wesen ist, sondern untrennbar mit dem Kosmos und den Jahreszeiten verbunden.

Galen von Pergamon, einer der bedeutendsten Ärzte der Antike, schrieb in seinen Werken über die Notwendigkeit, die Säfte im Gleichgewicht zu halten. Er erkannte, dass die äußere Hitze die inneren Säfte „kocht“. In einem seiner Traktate zur Diätetik finden wir sinngemäß folgende Gedanken:

„Im Sommer nun, da die Luft heiß und trocken ist, wird auch der Körper trocken und heiß. Die Galle nimmt zu, und das Blut wird schärfer. Daher gebietet es die Vernunft, den Körper durch Speisen zu kühlen, die feucht und kalt sind, damit das Übermaß des Feuers nicht die Lebensgeister verzehre. Wer im Sommer scharfe und erhitzende Dinge zu sich nimmt, der nährt den Zorn und die Krankheit in sich.“

Diese alten Zeilen sind heute aktueller denn je. Sie lehren uns, dass Prävention – also das Vorbeugen – damit beginnt, die Qualität der Zeit zu erkennen und unsere Lebensweise darauf abzustimmen.

4. Chronomedizin: Im Rhythmus der Sonne leben

Die Traditionelle Europäische Medizin ist eine Form der Chronomedizin. Das bedeutet, sie berücksichtigt die biologischen Rhythmen. Der Sommer ist geprägt von der Sonnenwende im Juni – dem Höhepunkt des Lichtjahres.

  • Frühes Aufstehen: Die Helligkeit beginnt früh, und unser Körper ist darauf programmiert, mit dem ersten Licht aktiv zu werden. Ein frühes Aufstehen entspricht uns in dieser Jahreszeit viel mehr als im Winter.
  • Soziale Interaktion: Die langen Abende laden zum Austausch ein. Das Prinzip „Öffnung“ dominiert. Wir gehen nach außen, treffen Freund:Innen, teilen Erlebnisse.
  • Die Mittagsruhe: So hoch die Sonne am Mittag steht, so sehr sollten wir uns zu dieser Zeit zurückziehen. In der TEM entspricht der Mittag der größten Hitzeeinwirkung – eine Zeit für Erhaltung und Reife, nicht für verausgabende Arbeit.

Traditionell ist die Zeit um Johanni (24. Juni) auch die Zeit der Kräuterernte. Man sagt, dass die Pflanzen nun ihre höchste Heilkraft besitzen, da sie die Sonnenenergie maximal gespeichert haben.

5. Die Sommerküche: Kühlung von innen heraus

Die Ernährung ist dein wichtigstes Werkzeug, um die Hitze zu regulieren. In der TEM teilen wir Lebensmittel nach ihren Qualitäten ein (warm/kalt, trocken/feucht) und ordnen sie Stufen von 1 bis 3 zu. Im Sommer streben wir Nahrung an, die von neutral bis kalt (Stufe 3) und von neutral bis feucht (Stufe 3) reicht.

Ziele der Sommerküche:

  • Befeuchtung der Gewebe.
  • Sanfte Förderung des Gallenflusses (um Stauungen zu vermeiden).
  • Erfrischung ohne den Verdauungstrakt durch eiskalte Speisen zu schockieren.
  • Genussvoll essen ohne auf die sommerlichen Freuden wie Eis und Grillen zu verzichten

Leichtigkeit auf dem Teller: Fleisch, Fisch und Proteine

Fleisch sollte im Sommer reduziert werden (maximal dreimal pro Woche). Schwere, fettige Fleischsorten wie Gans oder Ente heben wir uns für den Winter auf.

  • Empfehlenswert: Huhn, Wachtel, Ziegenkitz, mageres Schweinefleisch oder Kalb.
  • Fisch: Süßwasserfische wie Forelle, Saibling oder Zander sind ideal. Sie wirken kühlend und belasten das Verdauungsfeuer nicht übermäßig.
  • Proteinquellen: Fermentierte Milchprodukte (Buttermilch, Molke, Frischkäse) sind hervorragend geeignet, da sie gleichzeitig befeuchten.

Pflanzliche Kraft: Gemüse und Obst für heiße Tage

Gemüse mit hohem Wasseranteil ist dein „Super-Food“. Hier eine Übersicht für deinen nächsten Einkauf:

GemüseObstGetreide & Hülsenfrüchte
Gurke, Tomaten, ZucchiniWassermelone, HonigmeloneReis, Gerste, Weizen
Fenchel, Spinat, MangoldSüße Äpfel, BirnenDinkel, Amaranth
Kopfsalat, Chicorée, NüsslerErdbeeren, HeidelbeerenTofu, Linsen, Erbsen
Kürbis, Artischocke, SpargelPfirsich, Aprikose, MangoKürbiskerne, Leinsamen

Besonderer Tipp: Bitterstoffe aus Salaten wie Chicorée oder Löwenzahn regen den Gallenfluss an. Das ist wichtig für die Choleriker:In, damit die „Galle nicht überläuft“. Gleichzeitig achte gern darauf nicht zu viele Bitterstoffe zu dir zu nehmen: der bittere Geschmack fördert die Hitze.

Gewürze und Getränke: Safran, Kardamom und das richtige Wasser

Vermeide im Sommer extrem scharfes Anbraten, Grillen oder Frittieren. Diese Zubereitungsarten fügen der Nahrung „Hitze“ hinzu. Dünsten, Dämpfen oder Mazerieren (Einlegen) sind die Methoden der Wahl. Wenn der Grill dich dennoch ruft? Dann ergänze die erhitzenden Speisen z.B. mit einem kühlenden Gurkensalat.

Die Technik des sommerlichen Würzens

Zwei Gewürze spielen in der TEM eine besondere Rolle für den Ausgleich von Hitze:

  1. Safran: Er gehört zum Element Wasser und bringt Balance.
    • Anwendung: Safranfäden im Mörser zerreiben, mit 1–2 EL Wasser aufschwemmen und am Ende der Garzeit den Speisen zusetzen.
  2. Kardamom: Ebenfalls kühlend und befeuchtend. Er hilft, das Verdauungsfeuer stabil zu halten, ohne es zu überhitzen.

Was trinken?

Eiswürfel sind im Sommer kontraproduktiv. Sie signalisieren dem Körper „Kälteschock“, woraufhin dieser mit innerer Wärmeproduktion reagiert.

Erfrischungstipp: Ein Schuss Essig oder Zitrone im Wasser wirkt zusammenziehend und erfrischend. Der leicht saure Geschmack wirkt kühlend.

Ideal: Wasser (Zimmertemperatur), Honigwasser, Gerstenwasser, Reismilch oder Lassi.

Besonders für Sanguiniker:Innen kann eine leichte Weinschorle besonders angenehm sein. Auch andere Personen genießen besonders jetzt ein alkoholfreies Bier. (Denk nur an die Elektrolyte 😉

6. Naturheilkunde für den Sommer: Deine grüne Hausapotheke

Die Naturheilkunde bietet uns eine Fülle an Kräutern, die spezifisch auf die Beschwerden der Sommerzeit reagieren. Wenn wir uns präventiv aufstellen wollen, sollten wir diese Helfer kennen.

Kräuter für Lymphe, Erschöpfung und Haut

Durch die Hitze kann das Lymphsystem träge werden, was zu schweren Beinen führt. Hier helfen:

  • Stiefmütterchen & Steinklee: Sie helfen, „zähe Feuchtigkeit“ zu zerteilen.
  • Rotes Weinlaub: Ein Klassiker für die Venen.

Bei sommerlicher Erschöpfung (wenn die Hitze uns aussaugt):

  • Veilchen & Rosenwurz: Sie wirken befeuchtend und stärken die Widerstandskraft (Adaptogene).
  • Hafer: Ein wunderbarer Begleiter, um die Nerven zu beruhigen (feuchte Qualität).

Hilfe bei Insektenstichen und Sonnenbrand

Auch wenn wir vorsichtig sind, passiert es manchmal: Die Haut rötet sich oder eine Biene sticht zu.

  • Sonnenbrand: Sanddornfruchtfleischöl ist ein wahrer Segen für die Regeneration. Äußerlich hilft auch Beinwell (kalt und feucht), Entzündungen zu lindern.
  • Insektenstiche: Der Spitzwegerich ist hier der Retter in der Not. Zerkaue ein Blatt (oder zerreibe es zwischen den Fingern) und lege den Saft direkt auf den Stich. Er kühlt und nimmt den Juckreiz.

7. Sommerfreuden: Bewegung, Licht und soziale Interaktion

Christoph Wilhelm Hufeland, ein berühmter Arzt der Aufklärung und Wegbereiter der Naturheilkunde, betonte stets den Wert der Frischluft für ein langes Leben. Im Sommer haben wir die Chance, unser „Lichtkonto“ aufzufüllen.

  • Licht tanken: Draußen erreichen wir Lux-Werte von 30.000 bis über 100.000. Das ist essenziell für unsere Stimmung und die Vitamin-D-Synthese.
  • Bewegung: Verlege Sport auf die frühen Morgenstunden. Der Abend sollte der Entspannung und dem sozialen Austausch dienen.
  • Barfuß laufen: Verbinde dich mit der Erde. Es kühlt nicht nur die Füße, sondern beruhigt das gesamte Nervensystem.
  • Schwimmen: Offene Gewässer sind ideal, um die Qualität des Elements Wasser direkt auf der Haut zu spüren und die Hitze abzuleiten.

Wichtiger Hinweis der TEM: Der Sommer ist nicht die Zeit für ausleitende Verfahren wie die Blutegeltherapie oder radikale Fastenkuren. Der Körper braucht jetzt seine Säfte, um sich zu kühlen.

8. Impuls zum Selbst-Erspüren: Deine innere Temperatur-Landkarte

Um zur Expertin deines Körpers zu werden, musst du lernen, die feinen Nuancen deiner inneren Wärme wahrzunehmen, bevor sie zur Belastung wird.

Übung:

  1. Setze oder lege dich an einen ruhigen, schattigen Ort.
  2. Schließe die Augen und atme drei Mal tief ein und aus.
  3. Gehe nun gedanklich durch deinen Körper:
    • Wo spürst du Hitze? (Oft im Kopf, in den Handflächen oder im Magenbereich).
    • Wo fühlst du dich vielleicht eher trocken oder „eng“ an?
    • Gibt es Stellen, die sich angenehm kühl anfühlen?
  4. Stelle dir nun vor, wie du mit jedem Einatmen eine kühle, silbrig-blaue Brise einatmest, die sich genau an die heißen Stellen verteilt.
  5. Frage dich: „Was braucht mein inneres Feuer gerade? Einen Eimer Wasser (Ruhe/Trinken) oder einfach nur ein wenig Schatten (Rückzug)?“

Spür mal drüber nach: Diese kleine Inventur hilft dir, im Alltag schneller gegenzusteuern, bevor du die Beherrschung verlierst oder dich völlig erschöpft fühlst.

9. Zusammenfassung: Dein Fahrplan für einen balancierten Sommer

Der Sommer lädt uns ein, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Doch für uns Flinta in der Mitte des Lebens ist es auch eine Zeit der bewussten Regulation. Die Traditionelle Europäische Medizin bietet uns hierfür einen wunderbaren Kompass:

  • Erkenne dein Temperament: Als Choleriker:In brauchst du mehr Kühlung und Gelassenheit, als Melancholiker:In musst du auf deine Feuchtigkeit achten.
  • Nutze die Sommerküche: Setze auf wasserreiche Gemüse (Gurke, Kürbis), Fisch und kühlende Milchprodukte. Würze mit Safran und Kardamom.
  • Lebe chronomedizinisch: Nutze das Morgenlicht, meide die Mittagshitze und genieße die geselligen Abende.
  • Grüne Helfer: Hab Spitzwegerich für Stiche und Sanddornöl für die Haut parat.
  • Selbstwirksamkeit: Werde zur Beobachterin. Wenn du spürst, dass die Hitze (emotional oder körperlich) steigt, reagiere mit Kühlung, zarten Bitterstoffen und bewussten Pausen.

Indem du die Signale deines Körpers ernst nimmst und die Prinzipien der TEM anwendest, gestaltest du deine Gesundheit aktiv mit. Du bist nicht ausgeliefert – du bist die Regisseurin deines Wohlbefindens.

In diesem Sinne: Genieße die Sonne, such dir ein schattiges Plätzchen und… spür mal drüber nach!

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